Lieber Benjamin

Am 19.03.2010 schrieb ich…

Lieber Benjamin,

vielen Dank für die bisherigen Gespräche, die ich, wie unsere früheren Betrachtungsversuche meiner Innenwelt, stets sehr genossen habe.

Jetzt stehe ich vor der Herausforderung, Dir Antworten auf Fragen zu geben, die ich teils gar nicht stellen will. Aber gut, wir sind nicht im Kindergarten und der Grund meines Aufenthalts in der Klinik, so emotional er schon weit weg sein mag, ist ernst. Keine halbe Woche einer sub-hypomanischen, oder besser, epi-hypomanischen Phase sollte die eigentlichen Probleme nicht aus dem Blickfeld räumen.

Die drei Kernfragen aus unseren Beratungen umfasse ich wie folgt:

  1. Was bedingt die schnelle affektive Aufhellung, Antriebssteigerung und Kognitionsverbesserung unmittelbar nach Einlieferung in die Klinik?
    1. Hohe psychogene Komponente?
    2. Selbstwirksamkeit hoch?
    3. Hospitalismus?
    4. Klinikumfeld? Die Bäume, der schöne Ort, der Fluss?
  2. Wie kann ich diese Stimulizer mit nach Hause nehmnen bzw. wie sind sie als automatische Stabilisatoren im häuslichen Setting zu nutzen?
  3. Wie werde ich suizidfester?

Am 23.03.2010 schrieb ich…

Wichtig ist auch die unmittelbare Zukunftsplanung. Das Generieren einer Perspektive, die mich reizt. Der zweite Teil des Satzes ist dabei wichtig.Ich möchte wieder voll im Leben stehen. Abends geschafft in die Arme meiner Geliebten fallen, Alltagsgeschichten im Gepäck. Ich möchte wieder mobiler werden. Mal ein Wochenende in Berlin bei Wolfgang, einen Wandertrip in den Alpen mit Ralf, einen Abstecher nach Paris. Ich möchte einer Arbeit nachgehen, die mich erfüllt. Ich möchte gebraucht werden, mich nützlich machen. Ich will das Leben wieder spielerischer erleben. Als Prozess der Entfaltung meiner Fähigkeiten und Persönlichkeit. Ich werde wieder auf Offensive schalten, dennn mit einer defensiven Taktik gewinne ich keinen Grund.

Ich höre mich selbst dabei, trotzig, stolz. Siegesgewiss und doch immer noch innerlich existenziell verunsichert. Ich erinnere mich an mich selbst im Sommer letzten Jahres. Meine Analyse war damals im Prinzip die gleiche wie jetzt. 2004-2006 waren erfolgreiche Jahre trotz und mit der Erkrankung. Ich hatte viel Stress, bin viel gereist, war weit weg von zu Huase. Ich trank Alkohol, schlief unregelmäßig. Im Grunde machte ich alles “falsch”:

Meine Krankheitseinsicht war beschissen. Und doch ging es mir wesentlich besser als jetzt. Die Klinikaufenthalte waren relativ begrenzt, der Wiedereintritt ins Leben unmittelbar. Die Perspektive in ein aufrgendes Leben mit vielen Optionen zurückzukehren war jedesmal heilsam.

Lang dachte ich, alles an dieser Zeit wäre schlecht gewesen. Das glaube ich nicht mehr. Ich musss die letzten Jahre mal konzentriert Revue passieren lassen. Was war gut, was war schlecht?

Ich brauche eine Strategie!

Ich bruache eine Klarheit des Geistes, eine innere Geschlossenheit und Zuversicht. Ich muss das Momentum der jetzigen Situation nutzen. Ich muss mich emanzipieren von sieben Jahren therapeutischer Vorsicht ohne trotzig im Kern Richtiges zu verwerfen. Ich muss bereit sein für größere Rückschritte und sienicht gleich Scheitern nennen.

Am 23.03.2010 schrieb ich…

Ohnehin erschließt sich mir die Logik des weniger Wagens nicht. Wenn ich jetzt schnell ein Praktikum organisiere, mich selbständig mahe oder einen Dr. beginne und damit auf die Fresse fliege, dann bin ich wo ich jetzt war. Der große Unterschied: Ich habs versucht! Ich habe wenig Angst vorm Scheitern neuer Projekte. Ich scheitere eher, als den Status Quo hinzunehmen.

Bei alldem muss ich auch meine Persönlichkeitsstruktur berücksichtigen. Ich war immer ein Mensch, der schnell begeisterungsfähig war. Für neue Ideen, neue Menschen, neue Orte und Wege. Ich war immer ein Mensch, der viel unterwegs war. Es gab und gibt viele Kreuzungen und Weggabelungen in meinem Leben, getragen von einem dichten Netz an Beziehungen. Das führt dann in der Summe dazu, dass sich viele Möglichkeiten ergeben etwas zu tun. Meine Default-Einstellung im Umgang damit war immer folgende: begeistert und ein wenig kopflos habe ich mich mit vollem Enthusiasmus und hoher Motivation ins Unbekannte gestürzt. Es war immer ein spielerisches Entdecken. All das fehlt gerade.

Am 04.04.2015 schreibe ich…

Ich habe keine Angst mehr, dass zu tun, was ich vor fünf Jahren geschrieben habe. Selbsterkenntnis und Reflexion sind der erste Schritt zur Besserung. Aber ohne die bewusste Tat bleiben beide Kopfgewichse.Ich gehe endlich meinen Weg. Ich danke mir dafür!

Alles Gute Benjamin!

Benjamin

Free your mind and let it flow...

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s