13/11 Paris, 7/7 London und ich

Wir alle haben momentan Angst. Wegen Paris und Hannover. Vor dem Islamischen Staat und dem Terror. Mir geht es genauso, so sehr ich das in Gesprächen mit anderen Menschen aggressiv zu verhüllen versuche.

Ich hab 2003 in Paris gelebt. Die Stadt und ihre Menschen sind mir nahe. Im Bataclan war ich damals auch. Groove Armada. Ein geiles Konzert. Es fühlt sich komisch an, wenn dann so etwas passiert, an einem Ort den man so sehr liebt. Den man so gut kennt.

2005 war ich in London. Mein erster Job. Am 7. Juli ging ich morgens gerade aus der Tür als mich mein Mitbewohner anrief. “There is something wrong with the tube. Take the bus.”. Nichtsahnend lief ich zur nächsten Haltestelle und nahm eine Linie ins Zentrum. Ich kam nie an. Der Bus fuhr eine merkwürdige Route und hielt dann schließlich bei Elephant & Castle. Er war nicht der Einzige. Dutzende Busse, Hunderte, wenn nicht tausende Menschen. Polizei und Ordnungskräfte ohne Ende. Ich sprach einen Polizisten an: “What’s going on?”. “We are closing the bridges. It is a precaution. Nothing to worry about.”. Andere Londoner mit denen ich ins Gespräch kam, bekamen ähnliche Antworten. Keiner wusste was los war.

Dann klingelte mein Handy. Mein Vater. Was will der denn jetzt am frühen Morgen? “GEHT ES DIR GUT?”, schallte es mir entgegen. “Ja klar!”, sagte ich, “nur ein paar Probleme mit U-Bahn und Bus.”. Mein Vater dann: “Es gab Terrorattacken in London. Bomben. Auf Busse und U-Bahn. Genaues weiß man noch nicht. Kam gerade über den Ticker.”.

Stille.

Ein merkwürdiges Summen im Kopf.

Das kann doch nicht wirklich passieren!

Mehr und mehr Leute bekamen solche Anrufe und die Nachricht verbreitete sich schnell auf dem ganzen Platz. Die Leute blieben ruhig und gefasst. Die Sicherheitsbehörden bestätigten schließlich die Gerüchte und forderten uns auf nach Hause zu gehen.

Das kam für mich nicht in Frage. Alleine im Haus rumsitzen. Nein. Ich versuche ins Büro zu kommen. Da sind Menschen. Menschen die ich kenne. Ich will jetzt nicht alleine sein. Das Büro war direkt an der London Bridge. Angeblich abgeriegelt. Aber egal, das Office war für mich in dem Moment der einzige Ort, an dem ich mich sicher fühlen würde.

Ich ging die paar Kilometer zu Fuß. An der Themse entlang. Ich sah nichts. Kein Rauch. Kein Chaos. Aber ich hörte etwas. Stille. Viel zu viel Stille für so eine riesige Stadt. Und Sirenen.

Als ich an der Südseite der London Bridge ankam war die Brücke versperrt. Polizei und Militär. Unklare Gefahrenlage. Keiner betritt die Nordstadt. Ich diskutierte energisch mit dem Kommandierenden. Beschrieb meine Lage. Zeigte ihm mein Bürogebaude auf der anderen Themseseite. “Please, I would feel so much safer in there. It is just on the other side.”. Lange fünf Minuten später durfte ich passieren.

Ich betrat unser Office nur wenige Minuten bevor keiner mehr das Gebäude betreten oder verlassen durfte. Der Portier, den ich am Vorabend für die Rheinische Post zum Gewinn der Olympischen Spiele 2012 interviewt habe, war verstört und winkte mich zu den Fahrstühlen. Ich solle mich sofort beim Notfallbeauftragten melden. Headcount. Einige Mitarbeiter seien noch nicht lokalisiert.

Was zum Teufel passiert hier gerade? So was passiert doch nur im Fernsehen?

Als ich unser Großraumbüro betrat war ich erstmal erleichtert. Mein Team und vor allem mein Freund Arne, der jeden Morgen durch King’s Cross fuhr, waren alle da. Die Stimmung war komisch. Die Leute redeten aufgeregt, checkten die News-Sites, chatteten und telefonierten mit Angehörigen. Alle wirkten geschockt, aber gefasst. Gearbeitet wurde nicht. Schlimm war zu sehen, was die Leute machten, wenn sie dachten es sehe keiner hin. Diese 0,3 Sekunden Betäubung und Angst. Und dann wieder weiter. Ich bin mir sicher, auch ich habe so geguckt, ohne es zu merken.

Ich musste rauchen. Dringend. Am 7. Juli gab es plötzlich wieder ziemlich viele Raucher. Arne und ich waren Stammbesetzung. Normalerweise rauchten wir in der Tiefgarage. Das ging nicht, also gingen wir aufs Dach.

Der Blick der sich uns bot war gespenstig. Unser Straßenzug war Teil der altehrwürdigen City of London. Autos, Busse, Menschen, Lärm.

Nichts davon war da. Nur ein paar leere Straßen. Dreck und alte Zeitungen wurden vom Wind die Straße herunter geweht. Ist echt so passiert. Kein Mensch. Keine Polizei. Absolut nichts zu sehen.

Nur die Sirenen. Überall die Sirenen.

Eine der Anschlagsorte war nicht weit weg. Vielleicht einen Kilometer. Wir haben nichts gesehen. Nur Sirenen. Den ganzen Tag.

Die nächsten Stunden vergingen merkwürdig zeitlos. Wir erfuhren nach und nach was genau los war. Der Terrorbeauftragte der Firma kam mehrfach ins Büro und erzählte wie wir uns verhalten sollten. Nachdem also die Nachrichten verdaut, alle Angehörigen angerufen waren durften wir am frühen Abend endlich das Gebäude verlassen und nach Hause gehen. Freitag war “day off” für alle.

Ich werde nie vergessen, was dann geschah. Ich verließ das Gebäude, und mit mir tausende Andere. Die breite Straße, vor kurzem noch so leer, war gefüllt von Menschen. Alle Richtung Süden. Nach Hause. Zu Fuß. Bus und Tube waren ja noch geschlossen.

Die Stimmung war entschlossen und geradezu kämpferisch. Fast heiter. Erleichtert. Ein Brite bemerkte meinen deutschen Akzent und entgegnete in typisch englischem schwarzen Humor: “The Führer had us worse. The Blitz. The bombings you know. This is nothing.”. Ich kann das schwer beschreiben aber an diesem Abend war diese gnadenlos individualistische und kalte Stadt so anders. Es war, es war so eine Art Festivalatmosphäre. Surreal und doch verständlich. Wir sind mit dem Leben davongekommen.

Ich kam alleine zu Hause an. Meine Mitbewohner sind bei Freunden in der Stadt geblieben. Einer meiner guten Freunde war in der Stadt gestrandet und kam dann zu mir. Ich weiß nicht warum, aber wir haben die Nacht durch und den nächsten Tag 17 Folgen Desperate Housewives geguckt, gelacht und Take-Out gegessen. Das tat gut.

Danach ging das Leben weiter. Ich nahm den Tube, ich fuhr mit dem Bus.

Einmal saß ein Araber mit Rucksack in der U-Bahn, im Sitz neben mir. Ich musste mich zwingen, nicht hinzusehen. In meinem Kopf sehe ich noch heute Drähte aus dem Rucksack ragen, die nie da waren. Das hat die Angst mit mir gemacht.

Ich habe den 7. Juli nie richtig verarbeitet. Die Sirenen.

Ich reagiere noch heute sehr heftig auf das Geräusch. Warum war mir bis vor ein paar Monaten nie bewusst.

Ich hatte eine Scheißangst als Paris getroffen wurde.

So jetzt ist es raus!

One thought on “13/11 Paris, 7/7 London und ich

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